NEUHEITEN: Schatz des Dschungels erforscht und geteilt




»Ihr müsst wieder gehen. Sofort.«

Der junge Mann mit dem kinnlangen schwarzen Haar hob drohend seinen Speer, um seiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen, und Lizzy wich erschrocken zurück. Doch meine andere Freundin, Kim, konnte er nicht so schnell einschüchtern.

»Und wo bitte sollen wir hin? Die Boote sind weg. Wir kommen nicht mehr von dieser verfluchten Insel runter.«

Ihre Stimme war erstaunlich ruhig und gefasst, dabei wusste ich, dass sie genauso auf 180 war wie Lizzy und ich. Ich meine, wie konnten wir drei nur so unglaublich bescheuert sein?

»Die Bucht ist ein Naturschutzgebiet«, hatte uns die Besatzung am Kreuzfahrtschiff erklärt, »deshalb gibt es bei dem Badeausflug ein paar wichtige Regeln. Erstens: Schnorcheln ist nur zwischen den Ausflugsboten erlaubt. Zweitens: Alle bleiben in Sichtweite der Crew. Und drittens und am allerwichtigsten: Niemand darf den Strand oder die Insel betreten!«

»Denkt ihr, was ich denke?« Kim hatte ein verschmitztes Grinsen aufgezogen.

»Es ist verboten, vergiss es!« Lizzy schüttelte energisch ihren rotblonden Lockenkopf.

»Merkt doch keiner«, war Kim überzeugt. »Und die Fotos von der verbotenen Insel machen uns vielleicht berühmt!«

Lizzy und Kim diskutierten noch am Ausflugsboot angeregt weiter, während ich meinen Blick in die Ferne gleiten ließ. Hinüber zur wunderschönen Palmeninsel, die von majestätischen Felsen, weißen Sandstränden und türkisfarbenem Wasser umgeben war. So unberührt und traumhaft, dass ich fast sicher war, dass dort tatsächlich niemals Touristenboote anlegten. Mir kam wieder die Legende vom silbernen Wasserfall in den Sinn, die mittags ein britischer Tourist erzählt hatte, und ich fragte mich, wie weit die Quelle wohl weg sein mochte. Ob man den Wasserfall von den Felsen aus sehen konnte? Und wurde er wirklich von einem Heer an Kriegern bewacht?

»Was meinst du, Aurora?« Kim und Lizzy sahen mich erwartungsvoll an.

»Ich weiß nicht«, zögerte ich. »Vielleicht nisten dort bedrohte Schildkröten.«

»Ach Quatsch«, tat Kim meinen Einwand ab, »der Guide hat doch gesagt, dass die Nistzeit schon vorbei ist.«

»Selbst wenn«, sträubte sich Lizzy, »wir kommen niemals unbemerkt auf die Insel.«

»Wenn wir an der linken Außenseite des Bootes abtauchen sieht uns kein Mensch«, versprach Kim. »Dann schwimmen wir an das äußere Ende der Felsklippen und gelangen von dort unbemerkt auf die Insel. Wir machen unsere Fotos und bevor jemandem auffällt, dass drei Leute fehlen, sind wir wieder zurück.«

Der Plan klang einleuchtend. Aber wie hätten wir auch ahnen können, dass die kleinen Boote den Badeaufenthalt frühzeitig beenden und ohne uns zurück zum Schiff fahren würden?

»Merken die nicht, dass wir fehlen?« Lizzy war den Tränen nahe, als sie die Schiffe davonbrausen sah.

»Keine Sorge«, versuchte ich meine Freundin zu beruhigen. »Sie haben bestimmt abgezählt, wie viele Leute bei dem Ausflug dabei waren.«

»Meinst du?« Kim zog zweifelnd ihre Augenbrauen hoch. »Ich hab keine Liste gesehen. Und bei dem Chaos, das gestern in Antigua bei der Einschiffung der neuen Gäste geherrscht hat, bezweifle ich, dass überhaupt jemand eine Ahnung hat, wie viele Leute jetzt auf dem Kreuzfahrtschiff sind.«

»Wir hätten die blöde Reise nie antreten sollen.« Seufzend sank ich auf einen der Felsen und starrte in die Ferne. »Mein Dad hat uns die Tickets ohnehin nur spendiert, damit er das Strandhaus für sich und Eliza allein hat. Das ist alles meine Schuld.«

»Ach Quatsch. Wir wollten alle hierher.« Lizzy setzte sich neben mich und starrte mit ihren großen blauen Augen in die Ferne.

Von den sechs Ausflugsbooten war inzwischen nichts mehr zu sehen und selbst das riesige Kreuzfahrtschiff war bloß noch ein kleiner weißer Punkt am Horizont. Wir hatten das Winken und Rufen schon vor einer ganzen Weile aufgegeben, nur an die Hoffnung hatten wir uns bis zur letzten Minute geklammert. Doch jetzt war sie gemeinsam mit unserem Schiff in der Ferne verblasst.

»Wir werden hier sterben«, jammerte Lizzy. »Hier gibt es bestimmt giftige Schlangen. Und Spinnen … und Skorpione.«

»Jetzt sei mal nicht so dramatisch«, stieß Kim sie an. »Macht lieber noch ein paar schöne Fotos von mir. Die Nachmittagssonne und der weiße Strand im Hintergrund sehen doch atemberaubend schön aus, findest du nicht, Aurora?«

Wie ein Profi-Model strich sie sich das lange schwarze Haar über die Schultern und stellte sich auf dem höchsten Punkt der Felsen in Position. Ihre feurigen dunklen Augen flirteten mit der Kamera in meiner Hand.

Die Fotografin in mir gab ihr recht. Doch die Vernunft hatte andere Pläne.

»Ich denke, wir sollten das verbleibende Licht nützen, um da rauf auf den Hügel zu kommen … von dort aus sehen wir vielleicht, wo es Wasser gibt … und einen Schlafplatz. Ich fürchte, die kommende Nacht werden wir wohl oder übel auf der Insel verbringen müssen.«

Lizzy zuckte bei dem Gedanken zusammen, Kim verzog begeisterungslos das Gesicht. Dann folgten mir die beiden aber doch bis ans Ende des Sandstrandes und weiter ins Innere der Insel, wo die Steigung langsam nach oben führte. Der Boden war lehmig und feucht, die Palmen der Küstenlinie wurden zunehmend von dichteren Gewächsen abgelöst, die es uns erschwerten, vorwärtszukommen. Abgesehen davon war der Berg doch sehr viel höher, als ich von den Felsen aus vermutet hatte.

»Sollen wir nicht besser zurückgehen und am Strand schlafen?«, fragte Lizzy, als der Himmel schön langsam vom strahlenden Lichtblau in ein intensives Indigo überging.

»Meine Füße tun weh«, klagte Kim.

Doch es war nicht mehr weit, wir hatten den Großteil des Weges schon hinter uns. Und als wir keuchend die Anhöhe erreichten, wurden wir mit einer fantastischen Aussicht belohnt.

»Wow«, sagte Kim und zeigte auf die Küstenlinie, die uns zu Füßen lag.

»Was für ein Panorama«, stimmte ich zu.

»Leute, was ist das hier?«, kam es von Lizzy. Sie deutete auf etwas, das hinter den Büschen lag, und als wir näher kamen, konnten wir es ebenfalls erkennen: Knochen. Zähne. Alles fein säuberlich aufgetürmt. Verdammte Scheiße, der Schädel hier stammte definitiv nicht von einem Tier!

Ein Rascheln hinter uns schreckte uns auf, eine Sekunde später schoss ein Pfeil so nahe an meinem Gesicht vorbei, dass wir alle drei aufschrien.

»Da!«, kreischte Lizzy und als ich mich umdrehte, sah ich eine Gestalt mit einer überdimensional großen und furchterregend aussehenden Holzmaske zwischen den Bäumen hervorlugen. Aber das war nicht die einzige Maskenfigur. Wenige Schritte weiter tauchte noch eine zweite auf, dann eine dritte. Und als diese den Bogen hob, und einen neuen Pfeil einspannte, zögerten wir keine Sekunde länger und stürmten los. Es zischte, der zweite Pfeil verfehlte Kim nur ganz knapp. Die Männer hatten tatsächlich die Jagd aufgenommen.

»Da lang«, entschied Lizzy und stürmte ins Dickicht, »Nein, besser dort«, kreischte Kim. Doch der Weg führte uns auch nicht weiter, schon nach wenigen Schritten standen wir an den Klippen, unter denen sich tosend der Wasserfall in den Urwaldsee ergoss. Der silberne Wasserfall!

Ein Pfeil zischte neben mir in die Felsen, hinter uns konnten wir die Maskenmänner zwischen den Bäumen erkennen.

»Wir müssen springen«, entschied ich in einem Impuls.

»Bist du verrückt?« Kim starrte mich ungläubig an. »Das sind bestimmt fünfzehn Meter!«

»Das Wasser ist vielleicht gar nicht tief genug«, befürchtete Lizzy. »Und vermutlich gibt es Krokodile da unten!«

»Der See ist immer so tief wie der Wasserfall selbst«, wiederholte ich, was ich irgendwann einmal in der Schule gehört hatte. Sicher war ich mir nicht. Aber andererseits, was hatten wir für eine Wahl? Uns von den Verrückten mit den Pfeilen erschießen zu lassen?

Ich schloss die Augen … atmete noch einmal durch … und sprang von den Klippen.

Es brannte auf meiner Haut. Die Geschwindigkeit war so hoch, dass ich erst drei oder vier Meter unter der Oberfläche die Augen öffnete. Das Wasser war erfrischend und klar. Alles um mich herum schimmerte silbern, grau und weiß, als wäre der See in einem Becken aus Spinell oder Mondstein angelegt worden. Doch mir blieb nicht viel Zeit, das schillernde Spektakel zu bestaunen. Die Atemnot trieb mich nach oben und wenige Sekunden, nachdem ich prustend aufgetaucht war, sah ich auch schon Kim neben mir hochkommen, kurz danach Lizzy.

»Wir haben es geschafft! Wir haben es tatsächlich geschafft!« Wir jubelten, als wir sahen, dass die Masken uns nicht bis zum Wasserfall gefolgt waren, und ich war erleichtert, dass sogar meine Sportkamera das Abenteuer unbeschadet überstanden hatte.

Doch die Freude währte nur kurz. Wieder war dieses bedrohliche Rascheln zu hören und noch bevor wir es aus dem Wasser schafften, baute sich ein Dutzend groß gewachsener, kräftiger Kerle vor uns auf und redete in einer fremden Sprache auf uns ein.

Wir klammerten uns aneinander, starrten die Männer ängstlich an. Waren das dieselben Krieger? Sie waren mit Speeren bewaffnet, aber Pfeile und Masken hatten sie keine. Sie trugen auch keine Kleider, sondern bloß ein Stück schwarzbraunes Leder um die Lenden. Manche stellten kunstvolle Zeichnungen auf ihren muskulösen Oberarmen und Brüsten zur Schau, einige hatten ihr dunkles Haar mit Lederbändern geschmückt oder trugen Ketten mit Tierzähnen um den Hals. Ausnahmslos alle von ihnen hatten mystische dunkle Augen, mit denen sie uns durchdringend ansahen.

»Rauskommen«, gaben sie uns mit unmissverständlichen Gesten zu verstehen, und trieben uns aus dem Becken. Gleich darauf waren wir umzingelt und sie schritten ganz langsam um uns herum. Beäugten uns von allen Seiten und inspizierten uns, so wie Raubtiere ihre Beute betrachten. Wir drei rutschten näher zusammen, mein Bikini erschien mir plötzlich viel zu knapp und zu durchsichtig, um mich ausreichend vor ihren Blicken zu schützen.

Zwischen den Jägern, die abwechselnd an uns herantraten, taumelten wir von einer Seite zur anderen und mir fiel es schwer, die Balance zu bewahren.

»Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?« Einer der Männer, kaum älter als wir, trat auf uns zu und starrte uns fragend an. Sein Gesicht war außerordentlich attraktiv, mit langen dichten Wimpern, weißen Zähnen und sinnlich geschwungenen Lippen. Doch der Blick, mit dem er uns ansah, war so finster, dass mir ein eisiger Schauer über den Rücken lief.

»Antwortet«, fuhr er uns an und rammte seinen Speer mit drohender Geste vor uns in den Boden.

Erschrocken wichen wir einen Schritt zurück.

»Sind da noch mehr?«, wollte er wissen und Lizzy schüttelte ängstlich den Kopf.

Die Männer steckten die Köpfe zusammen, berieten sich in einer Sprache, die wir nicht verstanden. Dann kam der junge Speerführer mit stampfenden Schritten zurück.

»Ihr müsst wieder gehen. Sofort.«

Wieder hob er den Speer, dieses Mal zeigte das spitze Ende direkt auf uns. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Lizzy zu zittern begann. Kim konnte der junge Mann mit dem kinnlangen schwarzen Haar nichts so schnell einschüchtern.

»Und wo bitte sollen wir hin?«, blaffte sie zurück. »Die Boote sind weg! Wir kommen nicht mehr von dieser verfluchten Insel runter!«

Die schwarzen Augen des Mannes verengten sich zu schmalen Schlitzen, ohne ein weiteres Wort wandte er sich den anderen Kriegern zu, um die Lage zu klären.

»Die werden uns umbringen«, war Lizzy überzeugt und nahm meine Hand.

Doch als der Übersetzer zurückkam, hatte er seinen Speer gegen ein paar lange Seile getauscht, die er mit gekonnten Griffen um unsere Handgelenke schlang.

»Mitkommen«, ordnete er an und zerrte uns an den Fesseln hinter sich her. Immer tiefer in den Dschungel hinein…