NEUHEITEN: Taken by Storm





Sie ist meine Geisel und ich sollte sie töten. Doch lieber möchte ich ganz andere Dinge mit ihr anstellen.


Kapitel 1

STORM

»Er ist da drinnen, Boss!«

Alec reicht mir eine dicke Winterjacke, während Danny voran eilt und die Tür zur Kühlkammer öffnet. Der zusammengekauerte Haufen menschlichen Abschaums, der mich zwischen Hähnchenflügeln und Rinderfilets erwartet, wirkt so armselig, dass ich ihn kaum wieder erkenne. Er ist schon lange genug hier drinnen, dass seine Lippen blau unterlaufen sind und jedes Glied seines verlogenen Körpers zittert.

»Du wirst heute Nacht sterben. Und weist du warum?«

Ich streife mir die warme Jacke über und ziehe den bereitgestellten Stuhl so nahe an ihn heran, dass ich bloß die Faust ausstrecken müsste, um seine erbärmliche Visage zu treffen.

»Weil du eine verdammte Kakerlake bist. Widerliches Ungeziefer, das sich dort verkriecht, wo man es nicht haben will und überall seine Fühler reinsteckt. Und weist du was mit Kakerlaken passiert, wenn man sie findet? … Man zertritt sie.«

Sein ohnehin schon farbloses Gesicht wird noch eine Spur bleicher, während er verzweifelt an seinen Fesseln zerrt. Dabei sollte er inzwischen längst wissen, dass es zwecklos ist.

»Du hast mich verraten. Du hast meine Männer verraten. Dass du stirbst ist längst besiegelt.«

Bis auf das Klappern seiner Zähne ist es totenstill um uns herum. Er sieht so erbärmlich aus, dass er mir fast leidtun könnte. Doch für Gnade ist es zu spät. Er hat einen Coup verraten, den ich seit Monaten geplant hatte. Verkauft an den Feind, weil er hoffte, dort ein größeres Stück vom Kuchen abzubekommen. Seinetwegen sind nicht nur meine Diamanten Geschichte, sondern auch zwei meiner besten Leute tot.

»Sag mir, wo Spataro die Steine hingebracht hat. Dann können wir das hier ganz schnell beenden.«

Er starrt mich mit großen Augen an und windet sich in seiner Ecke wie ein Aal auf der Sandbank. Ich weiß nicht, wieso er sich so ziert, mir diese letzte Antwort zu geben, wo er doch sonst schon alles gebeichtet hat. Vielleicht, weil es das letzte Puzzleteil ist, das zwischen ihm und einem Sturz über die Klippen steht.

»Spuck es aus oder ich schwör dir, das wird die längste Nacht deines Lebens!«

Er folgt meinem Blick rüber zu den Haken, an denen frischer Schinken von der Decke baumelt, und zu dem Hackbeil daneben. Sein Gesichtsausdruck ist nackte Panik und ich könnte schwören, er hat sich eben in die Hose geschissen.

»Er hat sie noch«, presst er schließlich hervor, »er hat sie behalten.«

Ich atme tief ein und lasse mich in meinen Stuhl zurückfallen. »Wo ist er?«

»Nicht hier … keine Ahnung.«

»Und die Diamanten?«

Hilfesuchend starrt er rüber zum Gemüseregal, so als ob dort die passende Antwort auf ihn warten würde, dann wandert sein Blick langsam weiter zu den in Plastikfolie eingeschweißten Geflügelteilen und schließlich zurück zu den Fleischstücken am Haken. Er schluckt, schüttelt seinen zitternden Körper. Dann dreht er sich wieder zu mir.

»Seine Winterresidenz in Coral Gables. Er hat sie dort gelassen.«

Ich nicke und stoße den Stuhl zur Seite.

»Bitte lass mich gehen!«, beginnt er zu betteln. »Ich hab dir alles gesagt, was ich weiß.«

Er wirft sein letztes bisschen Selbstachtung weg und stürzt sich vorwärts auf die Knie soweit es die Fesseln zulassen, und versucht meine Füße zu küssen. Ich muss ihn abschütteln, wie eine lästige Stechmücke.

»Schafft ihn weg«, sage ich zu Danny als er die Tür öffnet. »Und dann geht zu Spataro und holt meine Steine zurück.«

 

***

 

Ich werfe Alec die Jacke zu bevor ich hoch in meinen Beach Club gehe, und streiche das Hemd glatt. Der rechte Ärmel hat ein paar Blutspritzer abbekommen und ich muss ihn zweimal umkrempeln, um sie unsichtbar zu machen. Dann gehe ich zur Bar und bestelle mir einen doppelten Whiskey, während ich dem Treiben zusehe. Die Esstische, die tagsüber die gesamte Innen- und Außenfläche füllen, sind inzwischen weggeräumt und die Tanzfläche ist gut gefüllt. Society Girls, ein paar Elite-Studenten, reiche Geschäftsmänner, die mit ihren hübschen Freundinnen hier sind, dazu ein paar Promis und gut betuchte Touristen. Das Publikum ist bunt gemischt und so gutaussehend, dass es glatt einem Hochglanzmagazin entsprungen sein könnte. Kein Wunder, denn vor der Tür herrscht so viel Andrang, dass sich meine Türsteher aussuchen können, wer rein darf und wer nicht.

Mein Blick fällt auf eine Gruppe leicht bekleideter Mädchen rechts außen an der Tanzfläche. Blond, Kupferrot und glänzendes Schwarz. Sie bewegen sich im Takt der Musik, schmiegen die sinnlichen Rundungen aneinander und werfen mir immer wieder auffordernde Blicke zu. Sie wissen wer ich bin. Clubbesitzer. Erfolgreicher Geschäftsmann. Einer der begehrtesten Junggesellen Miamis, wenn man der Klatschpresse glauben will. Sie wollen mich rumkriegen. Mich verführen mit ihnen das Bett zu teilen und vielleicht auch mein Leben. Sie denken, sie kennen mich, doch sie wissen einen Dreck. Auf jeden Fall haben sie keine Ahnung, womit ich wirklich mein Geld verdiene.

Vielleicht sollte ich mir einfach eine von ihnen aussuchen und mit nach oben auf meine private Terrasse nehmen. Vielleicht auch alle drei zusammen. Ich könnte ihnen Champagner anbieten und sie zum Jacuzzi führen. Ihnen von meinem Liegestuhl aus zusehen, wie sie sich langsam ausziehen und sich gegenseitig mit ihren Lippen verwöhnen. Allmählich hart werden, während sie sich streicheln und sich die engen Hotpants und die kurzen Röcke über die Hintern streifen.

Ich nippe gemütlich an meinem Drink und stelle mir vor, wie sie ihre Blusen aufspringen lassen, sich an die Titten fassen und ganz ungezogen die kleinen Finger in fremde Höschen stecken. Wie alle drei vor Geilheit auslaufen, noch bevor sie überhaupt in den Pool springen. Und wie der heiße Wasserdampf und der Champagner dann das Übrige tun. Feuchte Küsse, Gekicher und dazwischen das schmatzende Geräusch von flachen Händen die gegen hungrige Pussys schnellen. Irgendwann werden Blondie, Schneewittchen und der kleine Rotschopf bestimmt zu streiten beginnen und sich darüber in die Haare kriegen, wer denn nun zuerst meinen Schwanz lutschen darf. Mit ein bisschen Glück haben sie genug Temperament, mir eine kleine Show zu bieten. Sich zu kratzen, zu ohrfeigen und an den nassen Haaren zu ziehen. Zu spritzen, um sich zu schlagen und sich im warmen Wasser zu balgen, nur um sich dann mit heißen Küssen wieder zu versöhnen.

Ich winke den Mädchen zu und sie beginnen zu kichern. Nein, ich sollte mir wirklich nicht die Mühe machen, eine von ihnen auszuwählen. Ich sollte alle drei Schlampen mit nach oben nehmen, ein bisschen die Show genießen und dann eine nach der anderen über den Tisch beugen und ficken.

Ich will gerade meine Hand heben, um die Drei zu mir zu winken, als sich plötzlich ein anderer attraktiver Körper in meinen Weg stellt.

»Da ist ein Detective O’Connor, vom MPD, der Sie sprechen möchte, Boss.«

Eine blonde Hostess steht mit ihrem Klappbrettchen vor mir und deutet auf einen großen, dunklen Typen, der mit seinem spießigen Anzug unter den Clubgästen hervorsticht wie ein kariertes Einhorn.

»Wimmle ihn ab. Sag ihm, ich hab zu tun.«

Mein Blick wandert zurück zu den Mädchen, die sich unanständig scharf aneinander reiben und mir dabei immer wieder Küsschen zuwerfen.

»Hab ich schon versucht, Boss. Er sagt, es sei dringend.«

»Ist es nicht.« Auf jeden Fall nicht so dringend, wie mein Bedürfnis, den drei frechen kleinen Biestern den Hintern zu versohlen.

»Er sagt, wenn Sie nicht freiwillig mit ihm sprechen, muss er Sie aufs Revier bringen lassen.«

Ich leere mein Glas Whiskey und atme tief durch. Dieser dämliche Wichser muss neu im MPD sein. Weiß er nicht, wer ich bin? Weiß er nicht, dass er einen großen Bogen um meinen Club machen sollte? Manchmal frage ich mich, wofür ich den Boss seines Bosses überhaupt bezahle, wenn er es noch nicht einmal schafft, mir nervtötende kleine Kläffer wie den hier vom Leib zu halten!

»Also schön«, seufze ich schließlich und schreibe der Blondine den aktuellen Fahrstuhlcode auf den Zettel. »Du kannst ihn hoch in mein Büro bringen.«

 

***

 

Wie erwartet, tappt der Detective völlig im Dunkeln, was den Diamantenraub betrifft. Selbst den Toten, den er identifiziert hat, kann er nicht mit mir in Verbindung bringen. Nicht mehr jedenfalls, als jeden anderen Gast meines Clubs.

Es ist kurz nach Mitternacht, als ich endlich wieder alleine bin, und ich will gerade aufstehen, um zurück nach unten zu den Mädchen zu gehen, als ich Dannys Anruf auf meinem Handy aufblitzen sehe.

»Habt ihr die Steine?«

Rauschen und Poltern sind zu hören, dann Dannys Stimme.

»Nein, Boss, noch nicht. Wir haben einen Tresor, aber…«

»Dann macht ihn auf, verdammt!«

Ich spüre die Ungeduld in mir aufsteigen. Auch wenn meine Leute das Sicherheitssystem abgestellt und die Wachposten ausgeschalten haben, kann ich nicht ausschließen, dass bald noch mehr von Spataros Leuten dort auftauchen. Abgesehen davon will ich die Steine endlich in meinen Fingern spüren. So wie ich es geplant hatte.

Ich hatte von einer ehemaligen Affäre, die im Museum beschäftigt war, Insider-Informationen über die Ankunft der neuen Leihgabe erhalten und alles bis ins kleinste Detail geplant. Der Konvoi, die Panne, der falsche Sicherheitsmitarbeiter. Die Steine waren längst vertauscht, noch bevor auch nur jemand auf die Idee gekommen war, dass irgendetwas falsch lief. Doch dann, als meine Leute schon am Weg zurück nach Miami waren, kam ihnen Spataros Truppe in die Quere und alles ging schief. Zwei Tote, ein halbes Dutzend Verletzte. Und meine Steine im Besitz dieses Penners. Verdammte Scheiße, jede einzelne Minute, die sie sich bei Spataro befinden, brennt sich in mein Gedächtnis wie ein glühender Schürhaken! Hat er wirklich gedacht, dass ich mich so leicht ausnehmen lasse? Dass er noch immer der große Macker im Sunshine State ist? Nun, da hat er sich mit dem Falschen angelegt. Mag sein, dass ich jung bin. Mag sein, dass meine Familie eine Zeit lang von der Bildfläche verschwunden war. Doch jetzt bin ich wieder hier und ich hole mir, was mir zusteht. Meine Stadt. Mein Erbe. Meine Diamanten.

»Wir haben noch etwas anderes gefunden, Boss. Das sollten Sie sehen.«